MAN MUSS DEN MUT HABEN, ENTSCHEIDUNGEN ZU TREFFEN
Angelika Haas-Scheuermann von der Sachbearbeitung zur Amtsleitung
42 Jahre Stadtverwaltung. Eine Karriere vom Einstieg zur Amtsleitung – geprägt von Entscheidungen, Teamarbeit und dem Glauben an Selbstbestimmung.
Ein Einstieg voller Neugier
Als Angelika Haas-Scheuermann an ihrem ersten Arbeitstag vor dem Sozial- und Jugendamt in der Plöck 24 steht, ist die Tür verschlossen.
Ein Obdachloser sitzt davor und fragt:
„Mädchen, arbeiten Sie hier?“
Als sie nickt, erklärt er ihr den Seiteneingang für Mitarbeitende.
Es ist ein Auftakt, der im Rückblick fast sinnbildlich wirkt. Noch bevor sie ihren Schreibtisch kennt, begegnet sie einem Menschen, um den sich ihre berufliche Laufbahn immer wieder drehen wird.
Dass sie einmal Amtsleiterin werden würde, wusste sie damals nicht. Sie wollte zunächst einfach in einem sinnstiftenden Bereich arbeiten. Verantwortung übernehmen. Erfahrungen sammeln.
Verantwortung zu übernehmen und sich zu engagieren hat sich für mich privat wie beruflich immer richtig angefühlt.– Angelika Haas-Scheuermann
Ihr Weg durch die Stadtverwaltung war kein Sprung, sondern Wachstum
Sozial- und Jugendamt.
Baurechts- und Denkmalschutzamt.
Personal- und Organisationsamt.
Dann zurück ins Amt für Soziales und Senioren.
Dazwischen zwei Kinderpausen.
Jede Station brachte neue Perspektiven. Neue Fachlichkeiten. Neue Verantwortung.
Der Wechsel ins Baurechtsamt sollte sich Jahre später als unerwartet wertvoll erweisen – etwa beim Ausbau von Flüchtlingsunterkünften. Sie konnte auf Augenhöhe mit Baufachleuten sprechen. Entscheidungen fundiert treffen. Zusammenhänge verstehen.
Doch je höher die Verantwortung, desto komplexer die Aufgabe. Fachliche Themen seien durchaus anspruchsvoll gewesen, sagt sie.
Die größere Herausforderung aber war die Personalverantwortung. Menschen mitzunehmen. Unterschiedliche Fähigkeiten zu erkennen. Ein Team durch Krisen zu führen.
„Nur gemeinsam konnten die vielen Herausforderungen im Sozialamt gemeistert werden.“
Entscheidungen in kritischen Momenten
Besonders die Flüchtlingskrise 2015 stellte das Sozialamt vor nie dagewesene Aufgaben. Ein Anruf aus dem Büro des Ministerpräsidenten: 500 Menschen sollten innerhalb von 24 Stunden untergebracht werden. Mit Ruhe, Pragmatismus und dem Mut zu Entscheidungen organisierte Haas-Scheuermann gemeinsam mit Feuerwehr, THW und Rotem Kreuz Unterbringung, Essen, Duschen und Sicherheit. Ein klarer Beleg dafür, wie Verwaltung im Ernstfall Leben erleichtern kann.
Führung als Frau – und als Mutter
Anfang der 1990er Jahre war es keineswegs selbstverständlich, dass Frauen mit Kindern Führungspositionen übernahmen.
„Man hat uns nicht immer die uneingeschränkte Konzentration auf eine Leitungsfunktion zugetraut.“
Sie musste zeigen, dass es geht. Mit Unterstützung ihrer Familie. Ihr Mann arbeitete Teilzeit, die Großeltern halfen bei der Betreuung – zu einer Zeit, als der Kindergarten um 12 Uhr endete. Und mit Pragmatismus. Probleme lösen, wenn sie auftreten. Nicht jedes mögliche Szenario im Voraus durchplanen.
Heute rät sie jungen Frauen – und übrigens auch Männern – sich gut vorzubereiten und Führung zunächst auszuprobieren. Führung ist mehr als Fachlichkeit. Sie ist Haltung.
Selbstbestimmung als Leitprinzip
Eine Erfahrung hat ihr Verständnis von sozialer Arbeit besonders geprägt. Die angedachte Wohnraumversorgung einer jungen Frau scheiterte – an deren Wunsch, auf der Straße zu leben. Nach einer traumatischen Gewalterfahrung hielt sie die Enge einer Wohnung nicht mehr aus.
„Da habe ich verstanden: Es geht nicht um unsere Lösungen.“
Es geht um Selbstbestimmung. Um das Aushalten, dass Menschen Angebote nicht annehmen. Um Demut.
Ein Obdachloser will nicht zwingend eine Wohnung.
Ein Mensch mit Behinderung will nicht nur Versorgung, sondern Teilhabe.
Eine Seniorin braucht vielleicht weniger Pflege als Begegnung.
Tagesstätten für wohnungslose Menschen.
Bewegungsangebote für Seniorinnen und Senioren.
Wohnortnahe ambulante Versorgungsangebote.
Niedrigschwellige Begegnungsräume.
Was sie besonders antreibt, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt.
Was bleibt
42 Jahre nach dem ersten Arbeitstag verabschiedet sich Angelika Haas-Scheuermann in den Ruhestand.
Sie hinterlässt Strukturen.
Ein engagiertes Team.
Und eine Haltung.
Im Ruhestand will sie mit ihrem Mann eine Sportgruppe für ältere Menschen gründen, weiterhin als Wettkampfrichterin in der Leichtathletik aktiv sein, Ferienangebote für Kinder unterstützen, reisen – und vor allem Zeit mit Familie und Freunden teilen.
Verantwortung hört für sie nicht auf.
Sie verändert nur ihre Form.